Die verwundete Welt und ihre Heimsuchungen. Geschichte, Erinnerung und visuelle Gerechtigkeit
In: Christopher A. Nixon (Hg.): Visuelle Gerechtigkeit (= kritische berichte, 52, 2024, Heft 2), Heidelberg: arthistoricum.net, S. 17–28.
Abstract
In diesem Beitrag im Themenheft Visuelle Gerechtigkeit des Journals kritische berichte wird die Möglichkeit eines kritischen und Verantwortung tragenden Erinnerns von »Geschichte bei sich und anderen«, so Max Horkheimer und Theodor W. Adorno in ihrem Buch Dialektik der Aufklärung (1944), untersucht, das ›gerechte‹ Bilddarstellungen produziert. In eine hierzu konstitutiv-produktive Beziehung bringt der Künstler und Kurator Kader Attia Vergangenheit und Gegenwart in seinem ethisch-ästhetischen Konzept der ›Reparatur‹, dessen Grenzen als dekoloniale Praxis die kontroverse Installation von Jean-Jacques Lebel mit Folteraufnahmen aus Abu Ghraib auf der 12. Berlin Biennale 2022 deutlich machte. Zeitgleich formulierte die documenta fifteen die kuratorische Tätigkeit durch das Konzept des lumbung neu. ›Gespenst‹ und ›Heimsuchung‹ als conceptual metaphors eröffnen überdies eine temporale Gerechtigkeitsvorstellung, die die Verantwortung «in bezug auf jene, die nicht da sind» (Jacques Derrida) betont. Mit Le Rodeur (2016–18), eine Bildserie von Lubaina Himid, lässt sich abschließend zeigen, wie die afrodiasporische Gewaltgeschichte in visuell gerechten Bildern verantwortungsvoll erinnert und dabei eine gerechtere Zukunft imaginiert werden kann.
»I see the white female soldier grinning over the arrangement of bodies piled together, and I am eye-leveled with a faceless person forced to hold his genitals. I see a corpse, the dead still waiting. Still waiting to give their permission in the first time, the thousandth time, and this time is no exception.« (Rijin Sahakian in ihrem offenen Brief an die Biennale-Leitung )