Den Blick erwidern. Epiphanie und Ästhetik postkolonial
Die Monografie ist 2023 im Passagen Verlag mit Sitz in Wien erschienen und steht auch als Online-Ausgabe in der Nomos eLibrary über einige Bibliothekskataloge zur Verfügung. Die folgenden Absätze fassen kurz den Inhalt zusammen:
Epiphanie und Erinnerung
»Die Epiphanie ist kein selbstbezogenes Glück. Sie ist die unverfügbare Erscheinung des anderen am ästhetischen Objekt, das erschüttert. Denn die Ausgeschlossenen und Unterdrückten erwidern den Blick und fordern Anerkennung und Solidarität.«
Eine kaum zählbare Menge Bonbons, die in bunten Zellophanhüllen eingepackt sind, werden im Ausstellungsraum zu einem großen Haufen aufgeschichtet. So einfach ließe sich die Arbeit Untitled (Ross) (1991) des in Kuba geborenen Künstlers Félix González-Torres (1957–1996) mit wenigen Worten beschreiben. Die Besucher:innen können sich nach Wunsch ein Karamellstück herausnehmen. Möglicherweise erweckt sein Geschmack eine bittersüße und unvermittelte Erinnerung an die Kindheitstage. Dies jedenfalls erreichte die in Lindenblütentee getunkte Madeleine in dem weltberühmten Roman À la recherche du temps perdu (1913–1927) von Marcel Proust (1871–1921), als sie dem Protagonisten mit einem Schlag die Kindheit in Combray eröffnete. Diese Szene eines ›unwillkürlichen Erinnerns‹ (mémoire involontaire) zählt bis heute zu den am häufigsten diskutierten Epiphaniedarstellungen des 20. Jahrhunderts.

Epiphanie, ein Schlüsselbegriff des 20. Jahrhunderts?
Die Epiphanie, die wenige noch an das Dreikönigsfest (Epiphaniefest) am 6. Januar denken lässt, ist im Sinn eines Erschütterungsmoments in Theologie, Literaturwissenschaft und Philosophie begrifflich unterschiedlich diskutiert und definiert worden: als Theophanie und [Erscheinung des Heiligen], als ›rhetorisches Gestaltungsprinzip‹ und ›ästhetische Utopie‹, als [dem denkenden Verstand begreifbare] Form des Erkennens und ›Apparition‹ (›Himmelserscheinung‹). Die Epiphanie hat eine weit in die griechische und römische Antike zurückreichende Wort- und Begriffsgeschichte. Alle genannten Bestimmungen ist gemeinsam, dass sie augenblickhafte ›Offenbarungsmomente‹ sind, die (beziehungsweise deren textuelle Inszenierungen) eine dialektische Glücks- und Lichterfahrung begleiten. Ihre (Außer-)Zeitlichkeit erlaubte es, zu Beginn des 20. Jahrhunderts sowohl den durch die Lebensphilosophie angestoßenen Zeitdiskurs als auch die nachromantische Bedeutung von Kunst und Künstler:innen poetisch aufzuarbeiten und dabei den ›Roman‹ als Gattung neu zu bestimmen. Obwohl James Joyce im Stephen Hero (posthum, 1944) bloß eine kurze Epiphaniedefinition liefert und im Portrait of the Artist as a Young Men (1916) daran lose die thomistische Theorie des Schönen anschließt, hat Joyce die Epiphanie in das moderne Bewusstsein zurückkehren lassen. Sie ist tatsächlich ein Schlüsselbegriff des 20. Jahrhunderts. Die Forschung hat sie allerdings als ästhetiktheoretische Kategorie und in postkolonialen Zusammenhängen kaum untersucht. Daraus ergibt sich ein Forschungsdesiderat, dem sich das transdisziplinäre Buch Den Blick erwidern. Epiphanie und Ästhetik postkolonial widmet.

Erschütterungsästhetik und transformative Zeitlichkeit
Die grundsätzliche These des Buches ist, dass in den Erscheinungen des anderen in künstlerischen/ästhetischen Objekten die erschütterungsfähigen und -bedürftigen Menschen einen radikalen Selbstmächtigkeitsverlust erleiden, den das heutige (neoliberale) Selbstbehauptungsprinzip nicht zulässt. Bereits die platonische Philosophie zeigt, dass diese ›Erschütterung‹ als das ›Erstaunen‹ (im Griechischen thaumazein) an Alltagsphänomenen sowohl gegen eine egoistisch-hedonistische Lebensführung (Sophistik) gestellt als auch als eine besondere Erkenntnisform diskutiert wurde. Daraus ergibt sich, dass die Philosophie »als permanente Kritik [des] geschichtlichen Seins«, so Max Horkheimer (1895–1973), eine besondere gesellschaftliche Verantwortung innehat. Folgt man Theodor W. Adorno (1903–1969), sind Kunstwerke selbst Epiphanien und ›Apparitionen‹ (Himmelserscheinungen), die wie die Philosophie an den Grenzen des Verstehens operieren und in die Anerkennung des unbegreiflich bleibenden anderen ›einüben‹.
Das »kurze Aufleuchten des Anders-sein-Könnens« (Herbert Marcuse) markiert eine transformative Zeitlichkeit, die eine sozialphilosophische und gesellschaftliche Utopie möglich macht: das Ohne-Angst-verschieden-sein-Können. Solidarität ist dabei die eigenständige Wissensform des Ästhetischen und die notwendige Bedingung, dass ein Zusammenspiel in postmigrantischen Gesellschaften gelingen kann. Die aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen in Deutschland und das europaweite Erstarken von populistischen und rechtsextremen Kräften, die den anderen dämonisieren und das ›Anderssein‹ mit allen Mitteln zu verhindern suchen, offenbaren eine im Kern entsolidarisierte Gesellschaft. Kontroverse Debatten um eine ›(Re-)Politisierung‹ von Kunst, etwa die Kritik an dem Kollektiv ruangrupa, das die documenta fifteen nach dem Prinzip des lumbung kuratierte , und Jean-Jacques Lebel, dessen Installation Poison soluble (2013) Folteraufnahmen aus Abu Ghraib auf der 12. Berlin Biennale zeigte, wurden in den zurückliegenden Jahren in Deutschland äußerst polemisch geführt. Sie zeigen immerhin, dass die gesellschaftliche Bedeutung von Kunst im Verhältnis zu Demokratie und Freiheit erneut öffentlich diskutiert wird.
Epiphanie im Gegenwartsdiskurs
Auf seinem Weg rekonstruiert das Buch den Begriff der Epiphanie nicht bloß in unterschiedlichen Konstellationen. Die kapitelübergreifende Entwicklung dekonstruiert zugleich die begriffsgeschichtliche Identifikation von Epiphanie und Glück. Nach Auschwitz steht mit Adorno die Möglichkeit von Kunst überhaupt infrage und das selbstbezogene Glück wird brüchig. Tatsächlich hat Jorge Semprún (1923–2011) die bürgerliche Epiphanie des Glücks bei Proust in einem traumatischen Erinnerungstaumel aufgelöst, durch den Semprún sich und seine erzählerischen Ich-Manifestationen nicht von Buchenwald und dem Ettersberg lösen kann. Die negative Epiphanie und die Erschütterung bleiben ästhetische Dissonanzerfahrungen.
Die globalen Kontinuitäten des Kolonialismus modifiziert überdies eine sozialphilosophische Erschütterungsästhetik. Die Arbeit zeigt durch eine Postkoloniale (Schwarze) Ästhetik, wie kolonialen Stereotype und Körperpolitiken populäre Bilderwelten prägen . Dabei bleibt sie jedoch nicht stehen. Denn eine durch Migration, Flucht und Gewalt bestimmte Welt muss auch selbstbestimmte Repräsentationsordnungen und Darstellungsformen (Bilderpolitiken) aufweisen. Sie diskutiert diese an Werken von Künstler:innen wie Jacob Lawrence und Zanele Muholi. Mit neuen Repräsentationspolitiken beschäftigen sich meine Arbeiten zum Thema Visuellen Gerechtigkeit .
Epiphanie und eine postkoloniale Utopie von Anerkennung
Die eingangs beschriebene Candy-Arbeit von González-Torres enthält die ausgeführten Gedanken in nuce: Die Bonbons wiegen insgesamt genau 79 Kilogramm, was dem Gewicht seines an Aids verstorbenen Lebensgefährten Ross Laycock entspricht. Das mögliche individuelle Erinnerungsglück am Kunstwerk erkaufen die Besucher:innen als [›Menschenfresser‹]. Doch diese symbolische Einverleibung des anderen kann auch eine veränderte Praxis hervorrufen. Diese fordert das Buch explizit von Philosophie und Wissenschaft. Ästhetische Praxis und die ausgeschlossenen Perspektiven von den ›Rändern‹ können kritisch zeigen, wie eine bessere Welt zukünftig aussehen könnte.
