Postkolonialismus und Dekolonisierung. Subalterne Handlungsmacht in Geschichte und Gegenwart
In: Christoph Gille et al. (Hgg.): Zivilgesellschaftliches Engagement und Freiwilligendienst. Handbuch für Wissenschaft und Praxis, Baden-Baden: Nomos 2024, S. 173–184. ISBN: 978-3-7560-0397-6.
Nach George Floyds Ermordung, die von unbeteiligten Passant:innen gefilmt wurde und weltweit Empörung und Entsetzen auslöste, und den anschließenden Black-Lives-Matter-Demonstrationen (Beitrag Bundeszentrale für politische Bildung) 2020 schien eine post- und dekoloniale Wende und Erinnerungspolitik eine kurze Zeit lang möglich. In deutschen Großstädten wie München, Berlin und Hamburg demonstrierten zehntausende Menschen. Doch die gesellschaftlichen und kulturpolitischen Entwicklungen in den Jahren danach machen allerdings deutlich, dass in Deutschland und Europa eine tiefgreifende Dekolonisierung des Denkens nicht ansatzweise stattgefunden hat: Bereits 2021 wurde die umstrittene Gemeinsame Erklärung zwischen Deutschland und Namibia paraphiert (Beitrag analyse und kritik, 13.12.2022) und eine undifferenzierte und pauschale Kampagne gegen den Globalen Süden in Presse und Öffentlichkeit wurde gegen die documenta fifteen und das Künstler:innen-Kollektiv ruangrupa geführt. Die Partie Alternative für Deutschland (AfD) erzielt weiterhin in Ost und West hohe Zustimmungswerte. Mittlerweile wird die Bundespartei vom Verfassungsschutz als »gesichert rechtsextremistisch« eingestuft.

In dem Handbuchbeitrag werden zentrale historische und theoretische post- und dekoloniale Diskursstränge und Schlüsselbegriffe erörtert: ›Subalternität‹, ›Orientalismus‹, ›Othering‹ und ›Hybridiät‹. Sie zeichnen sich dadurch aus, dass sie subalterne Handlungsmacht in Geschichte und Gegenwart wiederzugewinnen suchen. Subalterne Akteuer:innen, wie die Haitianische Revolution (1791–1804) beispielhaft zeigt, die etwa in Heinrich von Kleists Erzählung »Die Verlobung in St. Domingo« (1811) den historischen Hintergrund bildete , bringen die (post-)kolonialen Geschichtsschreibungen zum Schweigen. Michel-Rolph Trouillot macht in seinem wichtigen Buch Silencing the Past. Power and the Production of History (1995) deutlich, «dass in dem (politischen) Prozess, in dem Menschen historische Ereignisse in Quellen festhalten, archivieren und erzählen und als Geschichte konsolidieren, subalterne Positionen und Perspektiven marginalisiert und zum Schweigen gebracht werden» (Nixon). Ein Beispiel wäre die Historisierung des Generals Jean-Baptiste Sans Souci. Die Haitianische Revolution bezeugt allerdings jenseits ihres historiografischen ›Silencing‹ die politischen Handlungsmacht von subalternen Akteur:innen (Versklavten), wie die Politikwissenschaftlerin Adom Getachew in ihrem Beitrag in Political Theory (2016) (Paywall) feststellt. Diese Handlungsmacht in Hinsicht auf die indische Landbevölkerung und Geschichtsschreibung untersuchte auch die South Asian Subaltern Studies Group, die die postkoloniale Theoriebildung wesentlich beeinflusste.
Mit dem Handbuchbeitrag wird dem zivilgesellschaftlichen Engagement, dessen hegemoniale Verortung und diskriminierungskritische Praxis eine innere Ambivalenz produziert, eine kritische Reflexionsbasis ermöglicht, damit eurozentrische Ideen, Begriffe und Konzepte wie ›Entwicklung‹, ›Fortschritt‹, ›Modernität‹ und ›Zivilgesellschaft‹ kritisiert und dezentralisiert werden können. Zivilgesellschaftliches Engagement wird sich zukünftig im Verhältnis zu subalternen Politiken neu verorten müssen.