Von Ward’schen Kästen und Plantagenökonomien, Okrasamen und Gärten. Die ›Moderne‹ und das Anthropozän in historischen Konfigurationen von Arbeit, Kapital und ›Natur‹

Abstract

Die industriegesellschaftliche Modernisierung hatte weitreichende soziale und ökologische Konsequenzen, die die Gegenwart prägen und auch im Projekt ‹Moderne› kritisch reflektiert werden müssen. So wird in dem Beitrag die Rationalisierung von ‹Arbeit› und ‹Natur› am Beispiel eines ästhetisch-künstlerischen Historisierungsversuches untersucht: Die polygonen Terrarien in … And to those North Sea Waves Whispering Sunken Stories (II) (2021), eine Installation des kongolesischen Fotografen Sammy Baloji, sollen an Ward’sche Kästen erinnern, mit deren Hilfe auch koloniale Pflanzentransfers beschleunigt werden konnten. Damit stehen sie in einem engen exemplarischen Zusammenhang mit den Plantagenmonokulturen und Zwangsarbeitsregimen in den von Europa ausgebeuteten Kolonien, ohne deren Rohstoffe die Industrielle Revolution im Globalen Norden nicht möglich gewesen wäre. Haben infolgedessen das ‹Anthropozän› und seine ökologische Krise einen anderen Ursprung, als im Populärdiskurs meist behauptet wird? Denn im europäischen Kolonialismus – selbst ein Projekt der ‹Moderne› – koinzidiert auf folgenreiche Weise im globalen Regime des Kapitals die Rationalisierung von ‹Arbeit› und ‹Natur›. Am Ende stellt der Beitrag die von versklavten Menschen subsistenzwirtschaftlich betriebenen Gärten den kolonialen Plantagenökonomien gegenüber und wirft die Frage auf, ob eine verwundete Welt und Vergangenheit in solchen Gegenerzählungen ‹repariert› werden können.

Polygones Gewächshaus mit Pflanzen darin. Zwei Tische hinten links und rechts.
Installationsansicht von … And to those North Sea Waves Whispering Sunken Stories (II) (2021) des Künstlers Sammy Baloji. Die Arbeit wurde auf der 12. Berlin Biennale in der Akademie der Künste am Hanseatenweg gezeigt. Das polygone Gewächshaus mit unterschiedlichen Pflanzen aus dem Kongo soll an den sogenannten Wardschen Kasten erinnern, mit dem Pflanzen auf Schiffen in und aus den europäischen Kolonien transportiert werden konnten. Foto: Christopher Nixon

Der Beitrag ist die Ausarbeitung eines Vortrags vom 28. Juni 2024. Ich hielt ihn auf dem von Prof. Dr. Karin Gludovatz und Dr. Birgit Eusterschulte organisierten Workshop  am Sonderforschungsbereich 1512 Intervenierende Künste im Teilprojekt Geschichte als Material? Künstlerisches Historisieren als intervenierende Praxis der Freien Universität Berlin.