Frederick Serving Fruit. Die Zukunft und soziale Verantwortung des postkolonialen Museums. Ein Debattenbeitrag
In: kritische berichte, 50, 2022, Heft 1, S. 62–70.
Abstract
Die vieldiskutierte Eröffnung des Humboldt Forums 2021 in Berlin und das am Ende kaum zufriedenstellende Ringen um eine neue ICOM-Museumsdefinition sind zwei prominente Beispiele, wie eine grundsätzliche postkoloniale ›Neuorientierung‹ des Museums in den zurückliegenden Jahren scheiterte. Die riesigen Sammlungsbestände in ethnologischen Museen stellen weiterhin große und möglicherweise nicht zu bewältigende Herausforderungen an die Provenienzforschung, während medienwirksam die Restitution von wenigen Objekten an ihre Ursprungsgesellschaften inszeniert wird. Dennoch wurden zuletzt auch wegweisende Ausstellungsprojekte und Tagungen realisiert, die in Theorie und Praxis postkoloniale, postmigrantische und rassismuskritische Perspektiven zum Gegenstand hatten. Zukünftig müssen sich alle Museen daran messen lassen, wie sie das institutionelle koloniale ›Erbe‹ aufarbeiten. Wie können sie den pluralen Gegenwartsgesellschaften gerecht werden ?
Ausgang des Beitrags zum Debattenthema Undisziplinierte Institutionen. Kanonfragen, Sichtbarkeiten, Akteur:innen in den kritischen berichten ist das Gemälde Musizierende Gesellschaft (1674) von Johannes Voorhout (1647–1717), das im Museum für Hamburgische Geschichte im ehemaligen »Musikzimmer« ausgestellt wurde. Hinter einem Cembalo steht ein Schwarzer ›Page‹, der dem Komponisten und Organisten Johann Adam Reincken (1643–1722) Weintrauben serviert und von den Kurator:innen und Besucher:innen lange ›übersehen‹ wurde . Die sich in diesen Sichtbarkeitsverhältnissen ausdrückende Ordnung aus Repräsentation, Macht und Wissen ist Teil eines kolonialen Ausstellungsdispositivs, das seinen Ursprung im Museum des 19. Jahrhunderts hat und dessen Kompliz:innen die Besucher:innen mit ihren Blicken werden. Fred Wilson forderte bereits den hegemonialen Blick heraus, indem seine vieldiskutierten Intervention Mining the Museum (1992) das Gemälde Country Life () durch eine paratextuelle Verschiebung in den Objekttitel Frederick Serving Fruit umbenannte. Die unbekannte Schwarze Person auf dem Bild erhält so den Namen des Schwarzen Abolitionisten Frederick Douglass (1818–1895). Pedro Lasch wiedrum konfrontiert in Black Mirror/Espejo Negro (2010?) die Besucher:innen mit ihrem eigenen Blick auf die ausgestellten Ethnografica. Das postkoloniale Museum benötigt alternative kuratorische Stragien und Konzepte von Raumnutzungen , die Dialogizität und Polyphonie ermöglichen. Dann können die Besucher:innen verantwortlich erinnern und Museen den pluralen Gesellschaften heute überhaupt gerecht werden.
»Ich erkannte in Hamburg in dem Schwarzen Pagen diejenigen Menschen, die, in die Amerikas mit Zwang und Gewalt entführt, den überall in Fritz Schumachers Museumsbau ausgestellten Kaufmannsreichtum durch ihre unmenschliche und tod bringende Plantagenarbeit ermöglichten.« (Auszug aus dem Beitrag)
