Invisible Man. Race und Fototheorie

Vortrag am 12. Dezember am Kunsthistorischen Institut der Universität Zürich

Ralph Ellison publizierte 1952 seinen bis heute vielbeachteten Roman Invisible Man, in dem eine namentlich unbekannte Schwarze Person in einem Kellerraum, den ganze 1369 Glühbirnen erleuchten, die eigene Lebensgeschichte erzählt. Das Magazine Life bat einige Monate nach Erscheinen des Romans den afroamerikanischen Fotografen Gordon Parks um eine Bildserie. Eine bemerkenswerte Fotomontage daraus zeigt im unteren Bildteil einen Schwarzen Mann auf einem Stuhl im Winkel eines Raumes. Glühbirnen sind an Decke und Wänden montiert, die alle durch ein schwarzes Kabel verbunden sind. Seine linke Hand bedient einen Plattenspieler. Die dunkle Skyline von New York City montiert Parks im oberen Bildteil, dessen Schwarz den Raum wie in einem Futteral umhüllt. Im Roman heißt es: «My hole is warm and full of light. […] Sometimes now I listen to Louis while I have my favorite dessert of vanilla ice cream and sloe gin. […] Perhaps I like Louis Armstrong because he’s made poetry out of being invisible.»

Die Unsichtbarmachung von Schwarzen Menschen und ihren Perspektiven wird bis heute auch durch eine Art ‹Überbelichtung› bewirkt, wodurch sie zu Projektionsflächen des weißen und kolonialen Blicks werden. Frantz Fanon beschrieb u. a. diese Objektifizierung in Schwarze Haut, weiße Masken. Diese (Un-)Sichtbarkeit kennzeichnet die Fotogeschichte. Deren ‹Schattenarchiv› (Allan Sekula) ist einerseits angefüllt mit ethnografischen und kolonialen Fotografien, die die abgelichteten Schwarze Menschen objektivieren, ‹vermessen› und disziplinieren. Andererseits nutzen Schwarze Personen wie Frederick Douglass, Ernest Cole und Zanele Muholi die Fotografie bewusst als «Befreiungsinstrument» (Mark Sealy).

Im Vortrag wird diese Dialektik auf fototheoretische Diskurse bezogen. Roland Barthes steht mit seinem Buch La chambre claire beispielhaft dafür, wie gegenwärtig Schwarze Menschen in den ausgewählten Fotoarbeiten sind, ohne dass dies in die Theorieproduktion maßgeblich einfloss. Wie ließe sich die Verbindung aus race und Fotografie theoretisch neu denken?

Der Vortrag fand im Rahmen des von CARAH organisierten Institutskolloquiums  «To Mind and to Mend. Antirassistische Praktiken in der Kunstgeschichte» statt.

Kanalrohr, ausgestattet mit Polstern. Mittig hängt eine Glühbirne.
Wie Ellisons Protagonist in einem Kellergeschoss unterhalb von New York City suchen Geflüchtete, so die Installation von Hiwa K, einen Ort, an dem sie Schutz finden können. Die Steinzeugrohre werden zu ‹Wohnung›, in denen K und die Studierenden der Kunsthochschule Kassel auch einige Tage und Nächte verbracht haben. Doch diese Heterotopien sind selbst transitive Orte und bieten bloß scheinbare Sicherheit. Sie repräsentieren somit die permanente diasporische Suche nach Heimat.
Ein Kanalrohr wird mit Polstern ausgestattet zum Schlafplatz. Die Installation When We Were Exhaling Images des 1975 im Irak geborenen Künstlers Hiwa K  wurde während der documenta 14 auf dem Friedrichsplatz in Kassel gezeigt. Die spielerische Ausstattung der insgesamt zwanzig gestapelten Steinzeugrohre zeigt alltägliche Lebens- und Wohnräume. Die Installation hat allerdings einen ernsten Hintergrund: Auf ihrer Flucht nutzen Flüchtende solche Abwasserohre, um Schutz zu finden. Die Installation ist in Zusammenarbeit mit dem Diplomstudiengang Produktdesign der Kunsthochschule Kassel entstanden. Foto: Christopher Nixon
Kanalrohr, ausgestattet mit Polstern. Mittig hängt eine Glühbirne.
Ein Kanalrohr wird als Bibliothek genutzt. Foto: Christopher Nixon

Literaturhinweise

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