And All Those Objekts Marked by Toxicity. Zum Archiv als Pharmakon
Vortrag am 22. März 2024 auf der Tagung «Das radikaldemokratische Museum (revisited)» am Dortmunder U
Abstract: Die zuletzt in der Kunsthalle Mainz gezeigte Installation Dessus, dessous et á travers (2023) von Sybil Coovi Handemagnon bestand aus einem Stuhl, einem Tisch und zwei Metallregalen mit zahlreichen grauen Kartonschachteln. Eine Box, deren Inhalt die Besucher:innen mit beiliegenden Handschuhen selbst erschließen können, trägt ein Label mit dem handschriftlich geschriebenen Text: «And All Those Objects Marked by Toxicity». Die chemische Toxizität von Objekten in Archiven und Sammlungen, etwa durch die Rückstände von Insektiziden, überträgt Handemagnon auf die toxische Wirkung, die diese, insofern sie in kolonialen (Gewalt-)Zusammenhängen stehen, auf unsere Vorstellungswelt und Lebenswirklichkeit entfalten können. «Gift» und «Heilmittel» wurden im Altgriechischen, wie Jacques Derrida bereits ausführlich untersuchte, mit demselben Wort bezeichnet: pharmakon. Können sich in diesem ambivalenten Sinn auch Archive als ein Pharmakon denken lassen, deren toxische ‹Substanz› ein Heilmittel sein kann?
«So hast auch du jetzt als Vater der Buchstaben aus Liebe das Gegenteil dessen gesagt, was sie bewirken. Denn diese Erfindung wird der Lernenden Seelen vielmehr Vergessenheit einflößen aus Vernachlässigung des Gedächtnisses, weil sie im Vertrauen auf die Schrift sich nur von außen vermittels fremder Zeichen, nicht aber innerlich sich selbst und unmittelbar erinnern werden. Nicht also für das Gedächtnis, sondern nur für die Erinnerung hast du ein Mittel erfunden.» (Platon, Phaidros)

Die Tagung Das radikaldemokratische Museum (revisited) organisierten Prof. Dr. Nora Sternfeld (Hochschule für bildende Künste Hamburg) und Prof. Dr. Joachim Baur (Technische Universität Dortmund). Ein Tagungsbericht von Jocelyne Stahl erschien bei H-Soz-Kult Kommunikation und Fachinformation für die Geschichtswissenschaften.