Studioräume. Moderne als Widerspruch. Zu Ernst Ludwig Kirchners «Atelierecke»
Es gibt einige Fotografien, die Einsicht in Ernst Ludwig Kirchners Studios in Dresden und Berlin geben. Ihre Interieurs sind detailreich mit Wandbehängen, Tüchern, Tischdecken und zumeist selbst geschnitzten Holzskulpturen ausgestattet. Man erkennt sie auch in Kirchners Atelierecke in Davos. Seine Ateliergestaltung bedient sich in Ausdruck und Form unterschiedslos etwa an buddhistischer Wandmalerei und ozeanischem und afrikanischem Kunsthandwerk. Kirchners Kenntnis stammte aus ethnologischen Museumsdisplays und rassistischen sogenannten Völkerschauen, wo sie dem sensationslüsternen westlichen Blick preisgegeben wurden.
Kirchners Werkstatteinblicke sind folglich Inszenierungen. Die Studios zeigen die nichteuropäische Kunst, die erst Kirchners Blick zum angeblich Primitiven und Ursprünglichen machte, als Quelle seines künstlerischen Widerstandes gegen die bürgerliche und technokratische Gesellschaft. In diesen Künstlerräumen sollen die überkommenen sozialen Normen umgeworfen und die Vereinigung von Kunst und Leben zum neuen Epizentrum eines gesamtgesellschaftlichen Wandelns werden. In ihnen klingt eine andere Zukunft an.
Und doch werden in Kirchners Arbeiten Frauen und Schwarze Menschen zu Kunstdingen reduziert. Sind die zwei menschengroßen Erscheinungen in Kirchners Atelierecke nicht Milly/Milli und Sam, zwei Schwarze Künstler*innen, die in einem Studiofoto aus Dresden nackt zu sehen sind? Atelierecke macht sie zum leblosen ästhetischen Inventarium des Künstlers. Die Moderne, das zeigen Kirchners Arbeiten, prägt ein Widerspruch. Trotz ihrer sozialen Utopie und der Kritik an der bürgerlichen Gesellschaft, wiederholt sie den kolonialen weißen Blick. Die selbstauferlegte Kritik der Avantgarde hätte am Ende sich selbst richten müssen.
Was kann uns infolgedessen Kirchners Atelierecke sagen? Fragen Sie sich, wie die Werkstätten Ihres Denkens und Handelns eingerichtet sind! Mit welchen Wissensbeständen, Glaubensgrundsätzen, Ressentiments und Vorurteilen? Wie kann in diesen Werkstätten durch Ihre kritische Haltung eine bessere Zukunft entstehen?
